1935: Die schwarze Kompanie

König August Hoffmann 1935 vor der Werkzeugmaschinenfabrik Eriksen


Im Winsener Schützenkorps war man, solange man noch die Möglichkeit hatte, unter verschiedenen Parteien zu wählen, überwiegend deutschnational gewesen und jedenfalls nicht nationalsozialistisch. Das braune Regime sah die Schützenvereine als reaktionäre, muffig-bürgerliche Gruppierungen an und suchte die umzukrempeln.
Das begann in Winsen mit Macht im Jahre 1935. Auf der Jahreshauptversammlung des Korps Ende April trat der bisherige Kommandeur, Wilhelm Ravens, zusammen mit Kassierer Carl Fütterer zurück. Seit 31 Jahren trage er die grüne Joppe, sagte Ravens, seit 26 Jahren sitze er in der Kommission, und 11 Jahre lang sei er Kommandeur. Genauer gesagt, inzwischen war er nicht mehr Kommandeur, sondern Vereinsführer, und die Kommission nannte sich Beirat.
Solche Änderungen paßten dem Buchdruckermeister und Zeitungsverleger deutschnationaler Einstellung überhaupt nicht. Die sogenannte neue Zeit empfand er nicht als die seine. Er erklärte seinen Rücktritt.
Natürlich hatten braune Kräfte im Schützenkorps, allen voran der NSDAP-Ortsgruppenleiter Georg Rönneburg, schon einen Nachfolger ausgekuckt. Der Kaufmann Claus Wehrmann war bereit, die Neugestaltung des Korps durchzusetzen. Nachdem man ihn gewählt hatte, erklärte er, daß seine Ziele die Pflege der Volksgemeinschaft und des Schießsports seien.
Vorher hatte sich Rönneburg dahingehend geäußert, daß die Mitgliederzahl des Schützenkorps rückläufig sei. Aber die Rettung hatte der NS-Funktionär schon eingeleitet. Das Schützenkorps, so tönte er, müsse für "jeden Volksgenossen der Stirn und der Faust" offen sein. Neben die bisherigen Schützen müsse eine Zivil-Kompanie treten, eine Kompanie ohne Uniformzwang. Und mit Stolz konnte der Ortsgruppenleiter vermelden, daß er schon 20 neue Schützen geworben hatte.
Als man im Mai abermals tagte, hatte die Zivil-Kompanie ihren künftigen Namen gefunden. Als schwarze Kompanie wollte sie sich neben der bestehenden grünen Kompanie etablieren. Als schwarz wurde die neue Kompanie bezeichnet, weil ihre Mitglieder im schwarzen Anzug zum Schützenfest kommen wollten. Inzwischen hatte Rönneburg 53 Arbeiter in der Werkzeugmaschinenfabrik Eriksen an der Luhdorfer Straße davon überzeugt, daß sie in die schwarze Kompanie gehörten. Insgesamt gab es für diese neue Kompanie über 100 Neuanmeldungen. Ihren Schützenstatus sollten die Männer im schwarzen Anzug unterstreichen, indem die ein Abzeichen trugen: das Winsener Wappen, eingefaßt von einer Rosette in grüner Farbe.
Am Königs-Freitag 1935 - es war der 5. Juli - geschah genau das, was eigentlich zu geschehen hatte und tatsächlich doch nur durch Zufall geschah. August Hoffmann, Mitglied der schwarzen Kompanie und Arbeiter bei Eriksen, tat den Königsschuß. Die Augen der schwarzen Kompanie hätten geleuchtet, vermeldeten die "Winsener Nachrichten", als das Ergebnis bekanntgegeben worden sei. Vereinsführer Wehrmann stellte an der Königstafel fest: "Die Begriffe bürgerlich und proletarisch sind für uns tot, der Standesdünkel und die Zwietracht sind verschwunden." Und Wehrmann unterstrich das durch diese Zahlen: Statt 125 Mitglieder gab es plötzlich deren 280!
Rechtzeitig hatte die schwarze Kompanie durchgesetzt, daß es an der Königstafel nicht mehr das übliche Menü gab, sondern nur noch eine Erbsensuppe. Schützen wollten nicht besser leben als die übrigen Volksgenossen. Längst nicht alle könnten sich Braten leisten. So hatte Ortsgruppenleiter Rönneburg die Parole ausgegeben.
Die sogenannte neue Zeit war insbesondere bei dem Feuerwerk am Sonntagabend auf dem Schützenplatz nicht zu übersehen. Eine heulende, blitzende und knallende Fliegerbombe eröffnete das Feuerwerk. Die Höhepunkte waren einerseits eine gewaltige, den Himmel in ein Feuermeer tauchende Hakenkreuzfront und andererseits eine Königsscheibe mit vergoldeten Namenszug der schwarzen Majestät August Hoffmann.