1912/13: Der "Schützenpalast"
 zu Winsen an der Luhe


Ein wahrer Schützenpalast war das Schützenhaus von 1913



Das neue Schützenhaus von 1913. Hier die Front zur Luhdorfer Straße


Seit 1902 war Bäckermeister Julius Schröder Kommandeur des Schützenkorps Winsen. Eines der zahlreichen Ziele, die er sich setzte und mit der ihm eigenen Energie auch erreichte, hieß, ein neues Schützenhaus zu bauen. Das Schützenkorps zählte inzwischen rund 200 Mitglieder, und die brauchten Platz. Möglicherweise wog noch schwerer, daß die sanitären Einrichtungen des Altbaus allzu bescheiden waren. Die Kreisstadt Winsen bedurfte eines großzügigen, vorbildlichen Schützenhauses.
Am 17. Mai 1912 war die Planung abgeschlossen. Der erste Spatenstich konnte erfolgen. Sieben auswärtige Architekten hatten neun Entwürfe eingereicht. Das Büro Albers & Thölken in Bremen machte das Rennen.
Im Spätsommer - am 12. September 1912 - konnte der Neubau gerichtet werden. Noch stand das alte Schützenhaus. Im ersten Saal versammelte man sich zum Richtschmaus.
Das Schützenfest des Jahres 1912 war das letzte in den altvertrauten Räumen. Buchdruckereibesitzer Wilhelm Ravens tat den Königsschuß. Freitag, Sonntag und Montag wurde fröhlich gefeiert, bis es Montag nacht Abschied nehmen hieß vom alten Schützenhaus.
König Ravens forderte zu einer Polonäse auf; sie führte durch alle Räume des Schützenhauses. In den ersten Saal zurückgekehrt, hörte die Festgesellschaft eine lustige Rede über sie 38 Jahre im alten Schützenhaus. Sodann erklang zum Kehraus das Lied "Weh, daß wir scheiden müssen".
Und unter Absingen vieler anderer Lieder zog die Schützengesellschaft zurück in die verschlafen daliegende Stadt. Die "Winsener Nachrichten" urteilten, bei dem Abschied vom alten Schützenhaus habe es sich um ein Ereignis von "lokalhistorischer Bedeutung" gehandelt.
Auch wenn die Schützen singend ausgezogen waren, für Tanzveranstaltungen wurde das alte Schützenhaus noch eine Weile genutzt, bis es am 27. Oktober 1912 zum letztenmal Treffpunkt der Winsener Jugend war. Gleich darauf begann der Abbruch. Die Schützen freuten sich darüber, daß sie das alte Gebäude nach Pattensen verkaufen konnten, wo es noch manches Jahr gute Dienste Tat.
Der Neubau beanspruchte den Platz, auf dem der Altbau gestanden hatte. Die Bauarbeiten kamen zügig voran. Im nächsten Frühjahr - am 18. April 1913 - konnte Einweihung gefeiert werden. Die Schützen fanden sich zu einem Festessen zusammen und ließen den Einweihungsball folgen.
Der große Saal maß 27 mal 20,7 Meter, der kleine 20,7 mal 16 Meter. Beide Säle waren 9 Meter hoch. Dazu kam ein Speisesaal von 14 mal 10 Metern und einer Höhe von 4,5 Metern. Die eine Front des Hauses, die mit den beiden großen Sälen, war dem Schützenplatz zugewandt, die andere der Luhdorfer Straße. Nach dorthin lagen die Räumlichkeiten der Tagesgaststätte.
Eine Besonderheit in dem riesigen Gebäudekomplex waren die fünf bunten Fenster mit Glasmalereien im Speisesaal. Die hatte Wilhelm Ravens in seinem Königsjahr durch die Hamburger Kunstanstalt Gebrüder Kuball anfertigen lassen und dem Schützenkorps geschenkt. Weitere Buntfenster erwarb das Schützenkorps für das Bühnenhaus des großen Saales; das eine stellte einen Schützen dar, wie er aus der Hand einer Dame den Preis für einen guten Schuß entgegennimmt.
Während des Schützenfestes 1913 kam das neue Schützenhaus erstmals richtig zur Geltung. Am Mittwoch, dem 2. Juli, war Zapfenstreich und anschließend Kommers in Stallbaums Gasthaus. Am folgenden Donnerstag traf sich das Schützenkorps mittags an festlicher Tafel in seinem neuen Gebäude. Nach dem Umzug durch die Stadt waren die Schützen um 13 Uhr auf dem Schützenplatz angelangt.
An der Festtafel nahm Bürgermeister Gustav von Somnitz als erster das Wort. Seine Ansprache mündete in ein Hoch auf den Kaiser. Brausend scholl das dreimalige Hoch durch den großen Saal. Stehend wurde unmittelbar anschließend "Heil Dir im Siegerkranz" gesungen.
Später wandte sich der Winsener Amtsrichter Dr. Bleckwenn an die Versammlung. "Herr Bürgermeister von Somnitz hat", führte er launig aus, "altem deutschen Brauche folgend, das erste Glas Seiner Majestät dem Kaiser geweiht, aber wir haben heute noch einer zweite Majestät, unserem verehrten Schützenkönige Herrn Wilhelm Ravens, unsere Huldigung darzubringen. Der Kaiser ist kürzlich wieder in den Mauern unserer Stadt gewesen, aber meine Herren, er ist im Automobil gekommen und im Automobil wieder von dannen geeilt. Unser Schützenkönig dagegen ist in den Mauern unserer Stadt seßhaft, seine Bedeutung wurzelt in den lokalen Verhältnissen."
Und Dr. Bleckwenn prägte den Begriff des Tages: Der Traum manches wackeren Schützen habe sich erfüllt. Es habe sich die für das Schützenkorps hochbedeutsame Tatsache vollzogen, "daß eine neue Königsresidenz, ein Schützenpalast erstanden ist, der weit und breit in der Umgegend seinesgleichen sucht." Einen Schützenpalast besaßen die Winsener Schützen! Genauso durfte man den Neubau einschätzen.