1924: Kinderkönigspaare


Auch das Kinderschützenfest begann die längste Zeit auf der Marktstraße


Winsener Jungs freuen sich auf ihr Kinderschützenfest

Der Kletterbaum auf dem Schützenplatz.


Ein Kinderfest war mit dem Winsener Schützenfest schon lange verbunden. Aber ein Kinderschützenfest mit einem Kinderkönigspaar, das gab es 1924 zum erstenmal.
Das Kinderfest im Vorjahr - 1923 - war besonders erfolgreich verlaufen. 1000 Kinder aus dem noch nicht einmal 5000 Einwohner zählenden Städtchen hatten daran teilgenommen, das heißt alle vorhandenen Kinder. Die Anziehungskraft des Festes war noch dadurch erhöht worden, daß ein Freund der Jugend, wie die "Winsener Nachrichten" diskret ankündigten, 1000 Stücke Kuchen für den Montagnachmittag gestiftet hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war dieser Jugendfreund der Schützenkönig des Jahres 1923, der Bäckermeister Otto Meyer.
1924 jetzt kriegte das Kinderfest die unverwechselbare Form eines Kinderschützenfestes. Auf der Marktstraße stellten sich die Kinder auf. Die Mädchen kamen möglichst mit Blumenreifen, die Jungen mit Luftgewehren. Zwischen den marschbereiten Kindern eine Fülle von Kinderwagen und Kinderkarren. Die gesamte nachfolgende Generation war zur Stelle, um mit Schützenmusik, geleitet von Schützen, quer durch die Stadt zum Schützenplatz hinauszumarschieren.
Draußen auf dem Festplatz schossen die Jungen mit Luftgewehren auf Scheibe. Auf die Mädchen wartete das Vogelstechen; dazu mußte jede Teilnehmerin einen an einem Bindfaden befestigten hölzernen Vogel in die Hand nehmen, rückwärts nach oben ziehen und auf eine Scheibe losfliegen lassen. Die untere Grenze für die Beteiligung an diesen Wettkämpfen  war in der Regel das zehnte Lebensjahr. Die kleineren Kinder vergnügten sich bei Eierlaufen und Topfschlagen.
Waren der treffsicherste Junge und das treffsicherste Mädchen ermittelt, kam es zur Proklamation des Kinderkönigspaares. Das allererste Anno 1924 bildeten Heini Sack und Elli Tangermann. In der Liste der Winsener Kinderschützenkönige stehen etliche Namen späterer richtiger Schützenkönige.
Nach der Proklamation war Kuchenpolonäse. Vorm Schießstand kriegte jedes Kind ein Stück Kuchen. Auch 1924 waren 1000 Kuchenstücke erforderlich. Ein Vorgänger der Kuchenpolonäse war übrigens die Schokoladenspende gewesen. Sie ist beispielsweise für das Schützenfest 1912 bezeugt. Jedes Kind bekam vom Schützenkönig ein Stück Schokolade.
Zu den kleinen Geschenken des Kinderschützenfestes gehörten weiter Freikarten für Karussells, Luftschaukel und andere Herrlichkeiten. Eine Attraktion war bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg der Kletterbaum. An einem um den Baum gelegten Ring, den man hinablassen und nach oben ziehen konnte, hingen die verschiedensten Preise. Viele Winsener Jungen waren ehedem fix im Klettern; sie hatten es im Turnunterricht regelrecht gelernt. Später, als der Sport das Turnen ablöste, schwanden die Kletterkünste. Schließlich war kein Junge mehr in der Lage, einen Baumstamm hinaufzuklettern. Der Kletterbaum wurde abgeschafft.
Große Verdienste um das Winsener Kinderschützenfest haben sich Günter Meyn und seine Frau Jo erworben. 1963 waren sie erstmals für das gesamte Programm am Montagnachmittag verantwortlich. 1989 leiteten sie das Kinderschützenfest  zum 27. Male. Danach übernahmen Jüngere die Regie.
Das Kinderschützenfest 1977 fiel mitten in die großen Ferien der Schulen. Statt der erwarteten 2000 Teilnehmer konnte Günter Meyn nur 1000 zählen. So viele Kinder waren auch 1923 gekommen. Inzwischen hatte das seit 1972 um 13 Ortsteile anwachsende Winsen rund 30 000 Einwohner, sechsmal soviele  wie 50 Jahre zuvor. Es gab wesentlich mehr Kinder als Anno dazumal. Aber die Verhältnisse, in denen Kinder lebten, hatten sich grundlegend geändert. Die großen Ferien wurden nicht mehr zu Hause verbracht. Die Kinder fuhren mit ihren Eltern oder allein weg. Die Gesellschaft war mobiler geworden. Das Kinderschützenfest auf dem Schützenplatz hinter der Bahn hatte viel von seiner Anziehungskraft verloren. Im Fernsehen konnte man Spannenderes verfolgen als vor den Scheiben beim Luftgewehrschießen und beim Vogelstechen.
Noch in der Ära Meyn wurde versucht, das Programm zu verbessern. 1983 durften Jungen und Mädchen ab zehn Jahren zum Luftgewehr greifen. Für die Acht- bis Neunjährigen war jetzt das Vogelstechen freigegeben worden. Die Kleinsten drängten in den 80er Jahren zum Kindertanz im Festzelt.
Immer wertvoller waren im Laufe der Zeit die Preise geworden. Der Kinderschützenkönig wie seine Königin bekamen jeder eine Radiowecker, die kleine Majestät dazu einen Orden mit Gravur, die Königin eine gravierte Silberkette.
1987 wurde das Kinderschützenfest rigoros vom Montag auf den Sonnabend vorverlegt. So, hoffte man, kämen mehr Kinder. Grundsätzlich ließ sich der Schwund nicht aufhalten.
Als Günter Meyn schon die Verantwortung abgegeben hatte, versuchte man 1992 die Besucherzahl des Kinderschützenfestes zu erhöhen, indem man es den Kindern erließ, sich auf der Marktstraße aufzustellen und in langem ermüdenden Zuge durch die Stadt marschieren zu müssen. Was für die Kletterkünste galt, traf auch auf die Durchhaltekraft beim Marschieren zu. Der neue Typ Kind ging nicht mehr eineinhalb Kilometer zu Fuß; er war es gewohnt, seine Ziele im Auto der Eltern zu erreichen.
1993 erweiterten sie Winsener Schützen das Angebot an die teilnehmenden Kinder. Es gab von nun an zwei Kinderkönigspaare. Das eine bestand aus Mitgliedern der Jugendabteilung des Schützenkorps, das andere war vereinsmäßig nicht gebunden. Durch die Jahre hatte sich gezeigt, daß die Mitglieder der Jugendabteilung ihren nicht organisierten Mitbewerbern überlegen waren.