1975: Der Abschied vom Schützenhaus

Eigentlich hatte Ulfried Neubauers Königsball Anno 1974 der letzte im alten Winsener Schützenhaus von 1913 sein sollen. Denn das Schießsportzentrum, das bald den Namen Schützenhaus annahm, wuchs schnell empor.
Seit Mai 1975 wurde bereits im Schießsportzentrum geschossen. Dafür standen jetzt 20 Kleinkaliberstände, zehn Luftgewehrstände und fünf Pistolenstände zur Verfügung.
Am 19.Oktober 1974 war der Grundstein gelegt worden. "Der heutige Tag ist ein Meilenstein in der Geschichte des Winsener Schützenkorps", sagte Kommandeur Karl Hermann Grimm bei der Gelegenheit. Schon im November flatterte der Richtkranz über der Baustelle. Am Dienstag nach Pfingsten Anno 75 verschwand der alte Schießstand von der Bildfläche. Die Mitgliederversammlung vorm Schützenfest 1975 konnte schon in dem neuen Schießsportzentrum abgehalten werden. Der Andrang der Schützen war so stark wie nie zuvor; 130 Mitglieder fanden sich ein und bewunderten die neuen Räumlichkeiten.
Obwohl Schützenhauswirt Ernst Röhlsberger sich bereits in den Ruhestand verabschiedet hatte und ausgezogen war, legte man die Proklamation von Lebrecht Maack junior am Freitag, dem 4. Juli 1975, wie auch den Königsball am Abend desselben Tages nochmals in das alte Schützenhaus. Erst Anno 75 wurde der Abschied von dem traditionsreichen Schützenpalast zu Winsen gefeiert.
Das Schützenfest 1975 begann mit einem ungewöhnlichen Donnerstag, ungewöhnlich deswegen, weil König Ulfried Neubauer sich mächtig ins Zeug legte. Für seine Zapfenstreichgesellschaft in der Autolackiererei an der Lüneburger Straße holte er Gundi Hein und Hein Timm. Später traten die beiden Hamburger Künstler auch beim Kommers im Schützenhaus auf.
Am Freitag morgen dann schon auf der Rathaustreppe ein Hauch von Frankreich. Exakt zum Schützenfest war eine weit über 100köpfige Delegation aus Winsens französischer Partnerstadt Pont-de-Claix eingetroffen, darunter die Majoretten und die Batterie Fanfare. Neben Bürgermeister Heinrich Riedel und Stadtdirektor Jens Volkert Volquardsen stand der stellvertretende Bürgermeister von Pont-de-Claix.
Auf dem Schützenplatz angekommen, weihte Kommandeur Karl Hermann Grimm das Schießsportzentrum und neue Schützenhaus offiziell ein. "Türen auf!" rief er. "Flaggenmeister die Fahne hoch! Das Schießen um die Königswürde des Schützenkorps - zum ersten Male auf dem neuen Stand - kann beginnen!"
Die mittägliche Königstafel im alten Schützenhaus war so groß und bunt wie keine zuvor. König Maack hatte ein unvergeßliches Erlebnis. Um die Majoretten und die Batterie Fanfare setzen zu können, mußte man den Speisesaal neben dem großen Saal dazunehmen. Das Schützengrün wetteiferte mit dem Weiß und Blau der jungen französischen Musiker.
Dann abends der letzte große Königsball in Winsen. Nie wieder stand ein Ballsaal von neun Metern Höhe für 500 und mehr Gäste bereit. Die Vierländer Jäger animierten die Riesengesellschaft zum Tanzen. Nebenan im Speisesaal war jetzt eine heiße Diskothek am Rollen.
Der eigentliche Schlußball folgte am Montag abend. Nun hieß es unaufschiebbar und endgültig Abschied nehmen von dem herrlichen großen, repräsentativen, aber auch aus der Lazarettzeit ramponierten Winsener Schützenhaus. Friedrich Rebenstorf senior brachte in einen Sketch die Situation auf den Punkt. Als Sprengmeister betrat er den Festsaal und wollte eine Ladung Trinitrotoluol (TNT) zur Zündung bringen. Aber das gelang ihm nicht, soviele Versuche er auch unternahm. Schließlich griff er zu einer Alternativlösung, und die erwies sich als bombensicher im wahrsten Sinne des des Wortes. Rebenstorf sprengte das abgeschriebene Schützenhaus, indem er zu einer Gießkanne griff und das Parkett des großen Saales mit Wasser sprengte. "Rette sich wer kann!" hatte er zuvor gerufen. Die Lacher und Beifallklatscher waren auf seiner Seite.
In den folgenden Monaten stand das Schützenhaus verlassen da. Nächtens bekam es regelmäßig Besuch. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde gelöst und hinweggetragen, wenn nicht blinde Zerstörungswut sich austobte.
Irgendwann ein großer Schreck in den Reihen der Winsener Traditionsschützen. Die Fahne von 1705 war weg! Hans Wehmann entdeckte die Lücke hoch über der Theke des Speissaals. Dort hatte die älteste Fahne des Schützenkorps ihren Platz gehabt.
Man fand das kostbare, wenn auch in den 250 Jahren zerschlissene Fahnentuch auf dem Schützenplatz wieder. Offenkundig hatte jemand damit sein Motorrad geputzt. Die Lanze, an der die Fahne befestigt gewesen war, lag zerbrochen daneben. Die Lanzenspitze war auf das Dach des alten Schützenhauses geworfen worden.
Hans Wehmann sorgte dafür, daß Heino Hoppe eine neue Lanze anfertigte und die Spitze reparierte und daß die kümmerlichen Reste der Fahne von 1705 in eine Folie kamen und im neuen Schützenhaus einen Ehrenplatz erhielten.
Derweil stritten die Winsener Rathausparteien, was nun an die Stelle des alten, riesigen Schützenhauses treten sollte. Der Saalbau hatte wesentlich dazu beigetragen, Winsen als Kreisstadt attraktiv zu machen. Hundert Vereinigungen trafen sich dort zu Versammlungen und Kundgebungen.
Von Mehrzweckhalle war die Rede, schließlich setzte sich der Begriff Stadthalle durch. Nach fünf Jahren 1980 konnte die Stadthalle eingeweiht werden. 1981 feierte Herbert Tuminski dort seinen Königsball. In den Jahren zuvor hatte man nacheinander in einem Zelt und und im Bahnhofshotel gefeiert.
Die Winsener Stadthalle war neu und modern. Aber die räumliche Kapazität und festliche Großzügigkeit des alten Schützenhauses besaß sie nicht.