1923: 75-Jahr-Feier ohne Prunk

Schützengrün in der Marktstraße, das gehört bis heute zum Schützenfest.


Doch, es gab sie noch, die Winsener Schützen. Im Jahr nach dem Kriege - 1919 - begingen sie wieder ihr Schützenfest. Schuhmachermeister Heinrich Kalm gelang der Königsschuß.
Aber die Zeiten waren arm und ohne Zukunftsperspektive. Das zeigte sich so richtig, als 1923 das 75jährige Jubiläum des Korps im Kalender stand.
Dazu kam die politische Verunsicherung. Die Bürger der Stadt Winsen mochten nicht mehr flaggen. Wer die alten Farben Schwarz-Weiß-Rot herausholte, mußte der nicht mit Übergriffen von Radikalen rechnen? Wie war überhaupt die Rechtslage? War Schwarz-Weiß-Rot nicht verboten? War nicht nur Schwarz-Rot-Gold erlaubt?
Kurz vorm Schützenfest 1923 zitierten die "Winsener Nachrichten" den preußischen Innenminister. Dieser hatte vorm Abgeordnetenhaus klargestellt: "Die Farben, die heute die Farben des Deutschen Reiches waren, und die Farben, die heute die Farben des Deutschen Reiches sind, sollten von allen ordnungsliebenden Deutschen in dieser Zeit gleich geachtet werden."
Das tat seine Wirkung. Zum Schützenfest 1923 wehten überall in Winsen die schwarz-weiß-roten Fahnen des Kaiserreichs. Aber das allein konnte keine Jubiläumsfeierlichkeiten tragen. Die Schützen waren bescheiden. Kein Prunk! So ihre Devise.
Am Donnerstag, dem 5. Juli 1923, zum Auftakt des viertägigen Schützenfestes bekam der letztjährige Schützenkönig, Kaufmann Georg Klindworth, seinen Zapfenstreich. Kommers war schräg gegenüber in Beckmanns Hotel.
Am Freitag wurde Bäckermeister Otto Meyer als neuer König ausgeschossen. Dank des trockenen Heuwetters war der Schützenplatz erfreulich belebt. Zu den Attraktionen gehörten ein Kettenflieger, ein Zirkus und - im Schatten einer Linde - ein Kaspertheater.
Das Jubiläum beging man am Montag. Um 14 Uhr marschierte auf der Marktstraße ein Festzug los. Die Fahnen von 1705, 1852 und 1905 waren mit frischen Eichenkränzen geschmückt. Eine Gruppe Winsener Schützen trug die Uniformen von 1848. Von auswärts waren Schützendelegationen aus Hamburg, Bergedorf, Geesthacht und Lüneburg, aus Stelle und Salzhausen gekommen.
Nachdem sich die Marschteilnehmer im großen Saal des Schützenhauses versammelt und ein Lied gesungen hatten, würdigte Schützenhauptmann Martin Ravens das Jubiläum. Angesichts des Ernstes der Zeit habe man von prunkvollen Veranstaltungen abgesehen, begann er. Die ernste, schlichte Feier, in der man sich befand, müsse genügen. Worauf es ankomme, sei die Treue zum Erbe der Väter, zu Heimat und Vaterstadt, zum Vaterlande.
Nach einem ausführlichen historischen Rückblick rief Hauptmann Ravens folgenden Wahlspruch in die weite Halle: "Deutsch sein, trifft uns auch Feindeshaß und -fluch! / Deutsch bleiben bis zum letzten Atemzug!"
Bürgermeister Gustav von Somnitz beglückwünschte die Schützen zu ihrem Jubiläum und entbot den auswärtigen Gästen einen Gruß. Ein Hoch, so wie er all die Jahre auf den Kaiser und König ausgebracht hatte, gab es jetzt nicht mehr. Der Reichspräsident schien eines solchen nicht würdig.
Daß die Zeit schlecht war, äußerte sich nicht nur in politischen Befindlichkeitsstörungen. Massive wirtschaftliche Gründe sprachen dafür. Allenthalben war die Inflation zu spüren. Im Juli kostete das Monatsabonnement der "Winsener Nachrichten" bereits 8000 Mark. Auf dem Hamburger Viehmarkt mußte man Anfang Juli für einen Bullen bis zu 17 000 Mark und für eine Kuh bis zu 18 000 Mark bezahlen. 50 Kilogramm Weizen kosteten bis zu 580 000 Mark; der entsprechende Roggenpreis betrug 480 000 Mark.
Die Winsener Bankinstitute gaben in einer Anzeige bekannt, daß sie dem Beispiel auswärtiger Banken folgen und nur noch Überweisungen ausführen wollten, die auf volle hundert Mark lauteten. So die Kreisbank, die Landesgenossenschaftsbank, der Spar- und Vorschußverein sowie die Westholsteinische Bank im damaligen Städtchen Winsen an der Luhe.